Wer zu Gott kommen will

Wer zu Gott kommen will
Dr. W. A. Criswell
Hebräer 11,5-6
21.05.1978

Schlagen Sie Ihre Bibeln beim 11. Kapitel des Hebräerbriefes auf: eines der großartigsten Kapitel des Wortes Gottes, einer der auffallend hohen „Berggipfel“ der Bibel. Hebräer 11 ist ein Appell des Glaubens. Den Titel der Predigt finden Sie in der Mitte des 6. Verses: „Denn wer zu Gott kommen will, der muss glauben, dass er ist und dass er denen, die ihn suchen, ihren Lohn gibt.“
Man könnte über dieses 11. Kapitel des Hebräerbriefes eine Überschrift, einen Titel setzen: „Sehen mit den Augen des Glaubens“ oder: „Das Unsichtbare sehen“. So sehen wir Gott. Der 3. Vers spricht davon, dass „alles, was man sieht, aus nichts geworden ist“.
Sehen wir uns Vers 7 an: Noah empfing ein göttliches Wort über das, „was man noch nicht sah“ und er glaubte Gott. Das ist Glaube. Sehen wir uns Vers 10 an: Abraham, Isaak und Jakob – sie waren auf der Suche nach einer Stadt, die einen festen Grund hat, „deren Baumeister und Schöpfer Gott ist“. Und die Antwort in Vers 16: „ … Darum schämt sich Gott ihrer nicht, ihr Gott zu heißen, denn er hat ihnen eine Stadt gebaut“, jene goldene, himmlische Stadt! Das Unsichtbare sehen. Schauen wir uns Vers 19 an: Abraham opferte Isaak, weil er glaubte, dass Gott ihn von den Toten auferwecken könnte, wenn Abraham das Messer in das Herz seines Sohnes stoßen würde. Schauen wir uns Vers 20 an: „Durch den Glauben segnete Isaak den Jakob und den Esau im Blick auf die zukünftigen Dinge“, die man nicht sieht. Schauen wir uns den Vers 27 an, einen der schönsten beschreibenden Verse in der Bibel: Dieser Mann Mose wollte nicht mehr als Sohn der Tochter des Pharao gelten, sondern wollte viel lieber mit dem Volk Gottes zusammen misshandelt werden, als eine Zeitlang den Genuss der Sünde haben… Und dann der Vers 27: „… denn er hielt sich an den, den er nicht sah, als sähe er ihn.“ Die Augen des Glaubens.
Die größten Worte der Sprache: „durch den Glauben“. Der Bauer pflügt den Boden, sät seinen Samen im Glauben an Gott, im Gottvertrauen auf eine Ernte. Er sieht die Ernte durch den Glauben. Im Glauben öffnet der Arzt den Körper, führt eine chirurgische Operation durch – im Glauben an Gott. Er vertraut Gott, dass er die Heilung schenkt. Er sieht, wie die Person durch den Glauben gesund wird. Durch den Glauben öffnet der Bankier seine Türen und lädt die Anleger ein zu kommen und ihm ihren Besitz anzuvertrauen. „Durch den Glauben“, ohne den die Wirtschaft und das Leben unmöglich sind.
Haben Sie jemals bemerkt, wie die Wirtschaft die Sprache der Religion, die Sprache des Glaubens, die Sprache der Kirche nicht umgehen kann? Haben Sie das jemals bemerkt? Sie verwenden die gleichen Begriffe, die wir verwenden, die gleichen Worte. Sie können dem nicht entkommen. Das ganze Leben ist in diesen Worten zusammengefasst. Durch den Glauben bauen Verliebte ein Haus und erziehen ihre Kinder. Der Glaube pflügt die Erde, umsegelt die Meere und baut unsere Institutionen.
Durch den Glauben sehen wir Gott. Es ist eine Fähigkeit, die Gott den Menschen gegeben hat, ein inneres Sehvermögen, die Augen der Seele. Und mit diesen Augen, die das Unsichtbare sehen, können wir Gott erkennen. Das ist die Fakultät, die einen Menschen von allem anderen in Gottes Schöpfung unterscheidet: seine Fähigkeit das Unsichtbare zu sehen. All die Errungenschaften unseres zwanzigsten Jahrhunderts, die unser modernes Leben zu einem Wunder gemacht haben, sind Ergebnisse der Fähigkeit von Menschen Unsichtbares zu sehen. Radio, Radar, Fernsehen, Nylon, Düsenjets, Kernspaltung – all die Wunder, die uns in dieser neuen Welt, in der wir leben, umgeben. All diese Dinge, diese wunderbaren Medikamente wie Penicillin, all diese Dinge waren schon seit dem Anfang der Schöpfung vorhanden. Es ist nur erst jetzt, dass wir beginnen mit den Augen des Glaubens das Unsichtbare zu sehen und sie aus dem Unbekannten herauszuholen.
So ist es auch mit Gott. Wir sehen ihn mit den Augen unserer Seele überall: über uns und um uns und unter uns und in uns. Doch ein Agnostiker, ein Skeptiker, ein Ungläubiger, ein Atheist antwortet: „Aber ich sehe ihn nicht.“ Auch die Scholle in der frisch gebrochenen Furche sieht ihn nicht. Auch das Tier auf dem Feld sieht ihn nicht. Ein Hund in seiner Hundehütte ist absolut und völlig blind gegenüber der Herrlichkeit des Himmels über ihm. Die Kuh, die auf der Weide grast, hat keine Empfindsamkeit gegenüber der herrlichen Landschaft um sie herum. Für die geistig Blinden scheint das Licht Gottes nicht. Für die geistlich Tauben redet die Offenbarung Gottes nie. Für die geistlich Toten existiert das Leben Gottes nicht.
Für viele sind die Sterne da oben im Himmel nur Planeten. Aber für uns wie für den Psalmisten verkünden sie die Herrlichkeit Gottes. Doch die Skeptiker und die Ungläubigen und Agnostiker sagen: „Das ist nicht genug. Ich möchte ihn sehen. Ich will, dass er hier vor mir steht und verkündet: „Ich bin Gott“, so kann ich ihn in meiner Gegenwart vor mir sehen. Das ist der egoistische Mensch. Das ist eine seltsame Sache, wie das Herz eines Empirikers sein kann.

Im Jahr 63 vor Christus eroberte Pompeius Judäa und fügte es als eine weitere Provinz zum Römischen Reich hinzu. Er marschierte in Jerusalem mit seinen siegreichen Legionen ein, bahnte sich seinen Weg bis zu dem Tempel und ging in das Heiligtum hinein. Er legte seine Hand an den Vorhang, um ihn zur Seite zu ziehen und in das Allerheiligste hineinzusehen.
Als das jüdische Volk sah, was er tat, verbeugten sie sich vor ihm und baten ihn, dass er ihr Leben nehmen, aber nicht das Allerheiligste entweihen möge, in das hinein, hinter den Vorhang, der Hohepriester einmal im Jahr mit dem Blut der Sühne treten durfte.
Der stolze Feldherr Pompeius fuhr mit seinem eigenen Eroberungsprogramm fort, näherte sich dem Vorhang und zog ihn zur Seite. Und zum ersten Mal trat ein heidnischer Mann in das Allerheiligste. Er ging herum. Er kam heraus und rief: „Es ist nichts hier drinnen. Es ist leer!“
Doch das ist der Ort, von dem Jesaja sagte: Ich „sah … den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron, und sein Saum füllte den Tempel. 2 Serafim standen über ihm; … 3 Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll! “ Jesaja 6,1-3

Was für einen wahnwitzigen Gedanken versuchte Pompeius dabei zu verwirklichen: „Ich werde diesen Gott der Hebräer nehmen und ich werde ihn auf einen Wagen stellen. Und er wird meinen Zug zieren, wenn ich durch die Straßen der Stadt Rom ziehen werde, der Eroberer von Judäa.“ Das ist ein menschlicher Gedanke: „Ich will Gott gebrauchen, ihn zur Schau stellen. Ich will ihn hier vor mir haben. Lasst mich ihn anschauen, um mich zu verherrlichen.“

Doch vielleicht ist es nicht allein ein Ungläubiger, ein heidnischer Empiriker wie Pompeius, der sich Gott so zunutze machen sucht. Wenn man das Buch liest, ist es fast erstaunlich, dass diese Heiligen des Alten Testaments, ebenso wie einige von uns ausriefen: „Herr, wo bist du?“
Im 13. Kapitel, Vers 24 sprach Hiob zu Gott: „Warum verbirgst du dein Angesicht?“ Und wieder in 23, Vers 3: „Ach, dass ich wüsste, wie ich ihn finden und zu seinem Thron kommen könnte!“
David rief pathetisch aus in Psalm 10, Vers 1: „Herr, warum stehst du so ferne, verbirgst dich zur Zeit der Not?“ Und wieder in Psalm 13, Vers 1: „Herr, wie lange willst du mich so ganz vergessen? Wie lange verbirgst du dein Angesicht vor mir?“
Jesaja rief aus in Jesaja 45, Vers 15: „Fürwahr, du bist ein verborgener Gott, du Gott Israels, der Heiland.“ Und noch ein Gebet in 64,1 und 2: „Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab,… dass dein Name kund würde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten,…“ Und im 14 Kapitel des Johannesevangeliums sagte Philippus, nachdem er bereits seit drei Jahren mit dem Herrn unterwegs war: „Zeige uns den Vater und es genügt uns.“
Nun, warum nicht? Warum steht Gott nicht da auf dieser Bühne und sagt: „Schau, hier ist Gott“? Oder warum kommt der Herr nicht herab in einer Art großen Vorführung oder in einer gewaltigen Erscheinung und sagt: „Schaut, hier ist Gott“? Warum macht er das nicht?
Es gibt drei Dinge, die Gott sagt und tut als Antwort. Nummer eins: Gott bedeckt sich selbst, Gott kleidet sich selbst in der Schöpfung. „Denn kein Mensch kann Gott sehen und leben.“ Johannes schreibt: „Niemand hat Gott je gesehen.“ Unser Denken ist nicht in der Lage die Unendlichkeit zu denken. Unsere Gehirne würden platzen. Unsere Sinne können die Allmacht des Allmächtigen nicht aufnehmen. Unsere sündige Natur könnte die Anwesenheit der Heiligkeit Gottes nicht ertragen.
Mein Bruder, wir können nicht einmal in die Sonne blicken. Die einzige Möglichkeit, wie ich in die Sonne blicken kann, ist wenn ich meine Augen mit einer schweren Brille schütze. Ich kann nicht einmal in die Sonne blicken. Wie könnte ich dann in das Antlitz Gottes sehen?

Im 33. Kapitel des Buches Exodus sagte Mose: „Gott, lass mich dich sehen.“ Gott sprach zu Mose: „Niemand kann mich sehen und leben.“ Aber „ich will dich in eine Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen“.
Und Gott verbarg Mose in einer Felsspalte und bedeckte ihn dort mit seiner Hand und die Herrlichkeit Gottes ging vorbei. Der Herr nahm seine Hand weg und Mose sah das Nachleuchten des Gewandes der Schekinah der Herrlichkeit Gottes.
Wir können Gott nicht sehen und leben. Gott kleidet sich in der wunderbaren Schöpfung um uns herum. Sie ist sein Kleid. Ein Mensch ist erschrocken und fällt zu Boden selbst bei der Erscheinung eines Engels. Jedes Mal, wenn ein Engel erscheint, kommt er deshalb immer mit den Worten: „Fürchte dich nicht!“ Wie viel mehr würde der Mensch erschrecken, wenn Gott erscheinen würde. Er bedeckt und kleidet sich selbst. Dies sind seine Kleider: die herrliche Schöpfung um uns herum. Seine Hände und seine Meisterarbeit gibt es überall. Er kleidet sich selbst in dieser wunderbaren Welt.
In der Stadt Rom entdeckte man in den letzten Tagen von Michelangelo, als der große Künstler blind war, Statuen, die unter Schutt begraben waren. „Sie müssen griechisch sein“, sagten sie. „Holt Michelangelo.“
Michelangelo, blind, fühlte mit seinen empfindlichen Händen die Statue-Augen, die Augenbrauen und die Stirn, die Nase und die Kontur des Gesichts und der Schultern. Und der blinde Michelangelo sagte: „Es ist das Werk eines großen Meisters. Es muss von Phydias gemacht worden sein.“
Es ist genauso für uns. Wir folgen den Konturen der unvergleichlichen und wunderbaren Kreationen Gottes. Es muss von einem großen Meister gemacht worden sein; es sieht aus wie die Hand Gottes. Gott verkleidet sich, er verbirgt sich, Gott stellt sich in seiner herrlichen Schöpfung vor. Gott stellt sich in Menschengestalt vor – das wunderbarste aller Wunder Gottes, des Herrn, dass er Mensch geworden ist.
Es ist eine Wahrheit, die über das hinausgeht, was mein Verstand begreifen kann: „das Geheimnis der Gottseligkeit“. Gott manifestiert im Fleisch. „Im Anfang war das Wort … und das Wort war Gott. Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns. Und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“
Gott in menschlichem Fleisch verschleiert; und manchmal schien die Gottheit unseres Herrn durch, glänzte durch den Schleier seines Fleisches. Auf dem Berg Hermon wurde er vor seinen drei engsten Jüngern verklärt. Und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne in ihrer Pracht und sein Gewand war weiß wie Schnee – die Gottheit des Allmächtigen leuchtete durch den Vorhang seines Fleisches hindurch.
Oder als er in einem Boot schlief. Und mitten im Sturm weckten ihn die Jünger und sagten: „Wach auf, Meister. Kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?“ Und er stand auf von seinem Schlaf und bedrohte den Wind und die Wellen und den Sturm und das Meer – die Gottheit leuchtete durch den Vorhang seines Fleisches.
Oder als sie ihn verhaften wollten und sagten: „Wir suchen Jesus von Nazareth.“ Und der Herr antwortete: „Ich bin es.“ Und sie fielen nach hinten und auf den Boden – die Gottheit des Allmächtigen leuchtete durch den Vorhang seines Fleisches hindurch.
Der Hebräerbrief sagt uns, dass er durch diesen zerteilten, zerrissenen Schleier in die Herrlichkeit hineinging und für uns einen Weg schuf, ihm zu folgen. Oh, das Wunder der herrlichen Selbstoffenbarung Gottes, wenn er sich selbst mit Menschenfleisch bekleidet!
Und schließlich verkleidet Gott sich selbst in der geschaffenen Welt, in der er lebt. Gott kleidete sich in Menschenfleisch in unserem Herrn: „Gott mit uns“ – Emmanuel. Gott verkleidet sich selbst manchmal in der Vorsehung und in den Erfahrungen unseres Lebens. Wir sehen ihn, den Unsichtbaren, manchmal in den Tragödien der Schmerzen und Tränen unseres Lebens.
   Ich schließe mit einem Zitat von einem der größten Geister, die Amerika je hervorgebracht hat. Dr. Charles Hodge war im 20. Jahrhundert über 50 Jahre lang Leiter der Theologischen Fakultät an der Princeton University und schrieb, ohne Zweifel, die größten Werke über systematische Theologie, die je von Menschenhand geschrieben wurden.
Daraus zitiere ich: „Was auch immer die moralische Natur weckt, seien es Gefahren oder Leiden oder der herannahende Tod, es verbannt unseren Unglauben in einem Augenblick. Menschen gelangen augenblicklich von der Skepsis zum Glauben. Das geschieht nicht durch einen Prozess der Argumentation, sondern durch die Existenz eines Bewusstseins, mit dem Skepsis unvereinbar ist und in dessen Gegenwart der Unglaube nicht existieren kann.“
Vielleicht sind wir stark in Zeiten unserer Gesundheit und Kraft, vielleicht. Aber in der Stunde des Zerbruchs oder der Verletzung oder wenn wir in Tränen aufgelöst sind, kommen wir sofort, ohne Argumente, zur Gottesschau.
Mein Bruder, es ist eine wunderbare Entdeckung: Gott überall um uns herum und in uns zu sehen, Gott im Angesicht Jesu Christi durch den Schleier seiner Menschlichkeit hindurch und in der Vorsehung des Lebens zu entdecken.
Herr, Herr, vor dir verbeuge ich mich in demütigem Glauben, in stiller Akzeptanz. In deinem Segen, lieber Gott, lass mich leben, lass mich sterben und lass mich auf ein herrlicheres und triumphierendes Morgen hoffen. Unser Herr, dessen Name „wunderbarer Ratgeber, starker Gott, Ewig-Vater und Fürst des Friedens“ ist: spreche Frieden und Ruhe und Heil und Hoffnung in unsere Herzen und unser Leben. Herr, gib uns Augen das Unsichtbare zu sehen. Möge Gott in unseren Seelen leben und uns Leben und Vergebung und Verheißung und Erlösung bringen. Und möge Gott segnen, die wir lieben, die uns teuer sind und möge Gott unser Leben zu einem Segen für alle machen, denen wir jemals begegnen werden.

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