Der christliche Tag für den Gottesdienst

 

DER CHRISTLICHE TAG FÜR DEN GOTTESDIENST

Dr. W. A. Criswell

Römer 14,5-6

13.02.1983

 

 

Das Thema der Predigt heute ist: „Der christliche Tag für den Gottesdienst“. Paulus schrieb im Römerbrief, Kapitel 14, Verse 5 und 6:

Der eine hält einen Tag für höher als den andern; der andere aber hält alle Tage für gleich. Ein jeder sei in seiner Meinung gewiss. 6 Wer auf den Tag achtet, der tut’s im Blick auf den Herrn; wer isst, der isst im Blick auf den Herrn, denn er dankt Gott; und wer nicht isst, der isst im Blick auf den Herrn nicht und dankt Gott auch. 

 

Das ist weit entfernt von dem Gebot des Herrn: „Darum haltet meinen Sabbat, denn er soll euch heilig sein. Wer ihn entheiligt, der soll des Todes sterben“ (2 Mos 31,14). Man wechselt in eine andere Welt, wenn man vom Judentum zum christlichen Glauben wechselt. Und in den Tagen von Petrus und Paulus und Jakobus (dem Pastor der Gemeinde in Jerusalem, dem Bruder des Herrn) und der Jünger dieser ersten Gemeinden des Neuen Testaments, in jenen Tagen tobte eine heftige Kontroverse in Hinblick auf die Beziehung zwischen Judentum und Christentum.

So ist zum Beispiel das 15. Kapitel der Apostelgeschichte eine detaillierte Beschreibung der Konferenz in Jerusalem, wo die Ältesten und Leiter und Apostel der Gemeinden sich trafen, um die Frage zu regeln, ob jemand, der kein Jude war, gerettet werden konnte. Die Judaisten sagten: „Der Glaube an Christus allein ist nicht ausreichend: Man muss auch beschnitten werden und man muss das Gesetz des Mose halten“ (Apg 15,5).

Nun, im 10. Vers des 15. Kapitels der Apostelgeschichte spricht Simon Petrus auf dieser Konferenz und sagt Folgendes:  „Warum versucht ihr denn nun Gott dadurch, dass ihr ein Joch auf den Nacken der Jünger legt, das weder unsre Väter noch wir haben tragen können?“ 

Er bezieht sich auf das Judentum und alle seine Gesetze, Institutionen, Zeremonien, Rituale und Opfer! Er bezeichnet die gesamte Tradition als ein Joch und dazu ein schweres, „das weder unsere Väter noch wir zu tragen vermochten“.

Bei dieser Diskussion über das Judentum und darüber, ob der Christ verpflichtet sei, all die Riten, Rituale, Bräuche, Traditionen, Verordnungen und Zeremonien des jüdischen Glaubens zu befolgen, wurde natürlich auch über den Sabbat diskutiert. Was ist mit dem Christ und dem Sabbat? Nun, der Apostel Paulus schreibt im Galaterbrief, Kapitel 4, Verse 9 bis 11 an die Gemeinden in Galatien, die fast dazu gezwungen wurden, jene jüdischen Traditionen zu halten und er sagt:

Nachdem ihr aber Gott erkannt habt, ja vielmehr von Gott erkannt seid, wie wendet ihr euch dann wieder den schwachen und dürftigen Mächten zu, denen ihr von neuem dienen wollt? 10 Ihr haltet bestimmte Tage ein und Monate und Zeiten und Jahre. 11 Ich fürchte für euch, dass ich vielleicht vergeblich an euch gearbeitet habe. 

 

Und dann schreibt er an die Kolosser:

So lasst euch nun von niemandem ein schlechtes Gewissen machen wegen Speise und Trank oder wegen eines bestimmten Feiertages, Neumondes oder Sabbats. 

17 Das alles ist nur ein Schatten des Zukünftigen; leibhaftig aber ist es in Christus. 

Kolosser 2,16-17

 

Dies ist nur eine kleine Reflexion über die Kontroverse, die in den ersten Tagen des christlichen Glaubens tobte: Ist der Christ verpflichtet, all die Rituale und Zeremonien der jüdischen Religion zu befolgen? Das Halten des Sabbats war eine davon.

Die Heilige Schrift sagt immer wieder ausdrücklich, dass der Sabbat, der Samstag, der siebte Tag der Woche, ein Zeichen ist zwischen Gott Jehova und Israel. Es wird ausdrücklich in 2.Mose 31 erwähnt und in Hesekiel 20 wiederholt. In 2.Mose 31 heißt es: „Und der HERR redete mit Mose und sprach: 13 Sage den Israeliten: Haltet meinen Sabbat; denn er ist ein Zeichen zwischen mir und euch von Geschlecht zu Geschlecht, damit ihr erkennt, dass ich der HERR bin, der euch heiligt. 14 Darum haltet meinen Sabbat, denn er soll euch heilig sein. Wer ihn entheiligt, der soll des Todes sterben“ (2 Mos 31,12-14).

 

Und er wiederholte das: „Sechs Tage soll man arbeiten, aber am siebenten Tag ist Sabbat, völlige Ruhe, heilig dem HERRN. Wer eine Arbeit tut am Sabbattag, soll des Todes sterben“ (2 Mos 31,15). Und in 4.Mose 15,32-35 wird die Geschichte der Steinigung eines Mannes geschildert, der Stöcke sammelte, um ein Feuer am Sabbat zu machen.

Nun, der Sabbat wurde zu einer Knechtschaft für die Menschen, die versuchten, ihn zu halten. Petrus sagte: Es ist „ein Joch … das weder unsre Väter noch wir haben tragen können“.  Und unser Herr sagte – und übrigens wurde er vom Volk abgelehnt und gekreuzigt, weil er die Sabbatgesetze nicht  befolgte – unser Herr sagte: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat“ (Mk 2,27-28).

Was mich erstaunt, ist, warum es Konfessionen gibt, christliche Konfessionen, die auf der Einhaltung eines Sabbats am Samstag bestehen, wenn es doch im Alten Testament viele Sabbate gab. Es gab viele Sabbate im jüdischen Gesetz. In 3.Mose 23, Verse 24 und 25 sprach der Herr zu Mose: „Sage zu den Israeliten: Am ersten Tage des siebenten Monats sollt ihr Ruhetag halten mit Posaunenblasen zum Gedächtnis, eine heilige Versammlung. Da sollt ihr keine Arbeit tun und sollt dem HERRN Feueropfer darbringen.“

Dann lesen wir im 39. Vers des gleichen Kapitels in 3.Mose: „Am fünfzehnten Tage des siebenten Monats, wenn ihr die Früchte des Landes einbringt, sollt ihr ein Fest des HERRN halten sieben Tage lang. Am ersten Tage ist Ruhetag (Sabbat) und am achten Tage ist auch Ruhetag (Sabbat).“ 

Der erste Tag des siebten Monats war ein Sabbat. Der siebte Tag des ersten Monats war ein Sabbat. Der achte Tag des siebten Monats war ein Sabbat. Und der fünfzehnte Tag des siebten Monats war auch ein Sabbat. Nicht nur das, sondern ich blättere weiter und lese im 25. Kapitel im 3. Buch Mose: „Sechs Jahre sollst du dein Feld besäen und sechs Jahre deinen Weinberg beschneiden und die Früchte einsammeln, aber im siebenten Jahr soll das Land dem HERRN einen feierlichen Sabbat halten; da sollst du dein Feld nicht besäen noch deinen Weinberg beschneiden“ (3 Mos 25,3-4). Jedes siebte Jahr war ein Sabbatjahr, und das ganze Jahr war ein Sabbat. Sie durften nicht arbeiten, nicht säen und nicht pflügen. Nicht nur das, sondern auch das fünfzigste Jahr war ein Sabbatjahr:

„Und du sollst zählen sieben Sabbatjahre, siebenmal sieben Jahre, dass die Zeit der sieben Sabbatjahre neunundvierzig Jahre mache …. 11 Als Erlassjahr soll das fünfzigste Jahr euch gelten. Ihr sollt nicht säen und, was von selber wächst, nicht ernten, auch, was ohne Arbeit wächst, im Weinberg nicht lesen“ (3 Mos 25,8+11).

 

Nun, was ich bei Männern, die das Wort Gottes so auslegen, nicht verstehen kann, ist, warum sie den einen Sabbat, den Samstag, auswählen und sagen: „Wir sind verpflichtet ihn zu halten“, aber alle anderen Sabbate vernachlässigen sie. Es ist der gleiche Herr, der zu Israel sprach: „Ein Zeichen zwischen mir und euch ist der Sabbat!“ Und der eine Sabbat ist der Samstag in der Woche. Ein weiterer Sabbat ist der erste Tag des siebten Monats. Ein weiterer Sabbat ist der achte Tag des siebten Monats. Ein weiterer Sabbat ist der fünfzehnte Tag des siebten Monats. Und jedes siebte Jahr soll ein Sabbatjahr sein. Und alle sieben mal sieben Jahre, jedes fünfzigste Jahr, soll ein Sabbatjahr sein. Warum sollte man nur eines von all den Geboten des Herrn herausgreifen und den Rest ignorieren? Es macht keinen Sinn!

Jeder ehrliche Ausleger des Wortes Gottes würde dem zustimmen. Sie können nicht, dieses herausgreifen und das andere ignorieren. Jakobus sagte: „Denn wenn jemand das ganze Gesetz hält und sündigt gegen ein einziges Gebot, der ist am ganzen Gesetz schuldig“ (Jak 2,10). Entweder man hält sie alle oder man hält keines der Gebote. Entweder das Eine oder das Andere.

Während wir die Frage des Sabbats untersuchen – eine Frage, über die im Leben der ersten Christen kontrovers gestritten wurde – ist es wichtig zu wissen, wie wir dazu stehen. Nun, es gibt kein Gebot für uns Christen, irgend einen Tag zu halten. Meine lieben Freunde, wir könnten genauso gut wie am nächsten Sonntag einen wunderbaren Gottesdienst am Dienstagabend, um 19:00 Uhr haben. Wir können einen gepflegten Gebetsgottesdienst am Mittwochabend wie auch an jedem Samstag haben. Was die ersten Christen gemacht haben, ist in der Bibel sehr offensichtlich: aus Liebe und Ehrerbietung und aus Bewunderung für den auferstandenen Herrn, der am Sonntag über den Tod und das Grab triumphierte, versammelten sie sich am ersten Tag der Woche. Sie kamen zusammen, um gemeinsam aus der Fülle ihres Herzens, aus der tiefen Dankbarkeit der Seele, Gott zu loben und ihm für seinen wunderbaren Sieg zu danken, den er errungen hatte, als er die Sünde und den Tod und das Grab besiegte und von den Toten auferstand.

Wir tun das aus Liebe zu unserem Herrn. Wie sich eine Sonnenblume am Morgen der Sonne im Osten zuwendet und dieser den ganzen Tag folgt und ihr gegenübersteht, wenn die Sonne im Westen versinkt, so folgt die Gemeinschaft der Christen immer ihrem Herrn – zur Anbetung und zum Lobpreis und zum Gebet, aus Liebe zu ihm, unserem wunderbaren Retter, dem Sohn Gottes, der die Sonne der Gerechtigkeit ist. Deshalb treffen wir uns am Sonntag. Deshalb trafen sich die Apostel am Sonntag. Jesus ist am Sonntag, am ersten Tag der Woche, von den Toten auferstanden. Er erschien seinen Aposteln am Sonntag, dem ersten Tag der Woche (Joh 20,26-31). Er erschien den frommen Frauen am Sonntag, dem ersten Tag der Woche (Mt 28,9-10). Die Jünger kamen, nach dem 20. Kapitel der Apostelgeschichte, am Sonntag zusammen, um das Abendmahl zu feiern. Paulus predigte ihnen an einem Sonntag bis zur Mitternacht (Apg 20,7). Und der wunderbare Emissär des Herrn Jesus, der selige Apostel Johannes, obwohl alleine im Exil auf Patmos, war er im Geist am Tag des Herrn, an einem Sonntag (Offb 1,10).

Es gibt drei Gedächtnisfeiern, die Christus uns gegeben hat, die das Neue Testament uns nennt. Eine davon ist die Feier der Taufe. Das ist sein Begräbnis und seine Auferstehung; und unser Begräbnis mit ihm und unsere Auferstehung zu einem neuen Leben mit ihm. Im 6. Kapitel des Römerbriefes heißt es: „So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln“ (Röm 6,3-5).

Die zweite Gedächtnisfeier ist die Feier des Abendmahls: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (1 Kor 11,24-25).

Und die dritte Feier des Christen ist, gewidmet unserem lebendigen Herrn, wenn wir uns am ersten Tag der Woche, am Sonntag, versammeln.

 

Nun könnte man fragen: „Gibt es etwas in dem Gesetz Gottes im Alten Testament bezüglich des ersten Tages der Woche? Gibt es irgendwelche Hinweise, die den Tag vorzeichnen? Gibt es Andeutungen, dass Gottes Volk, die Heiden, die Gemeinde, sich am Sonntag, dem ersten Tag der Woche, versammeln würde?“ – Die gibt es tatsächlich und sie zeichnen diesen Tag bildlich vor. Im 23. Kapitel in 3.Mose heißt es, dass der Priester am Tag nach dem Sabbat eine Garbe der Erstlinge vor dem Herrn schwingen soll (3 Mos 23,11). Und auch am Tag nach dem Passah-Sabbat soll eine Garbe der Erstlinge der Gerstenernte dem Herrn vorgelegt und vor dem Herrn geschwungen werden. Das war ein Bild und ein Hinweis auf die gesamte Ernte, die noch kommen sollte. Die Erstlinge geschwenkt vor dem Herrn, ein schönes Bild: Ich kann mir all die Menschen vorstellen, die zu Tausenden zu dieser Feier kamen und die Priester schwangen die Garben, die ersten Garben vor dem Herrn.

Nun sagt Paulus im 1. Korintherbrief, Kapitel 15, Vers 23, dass die Garbe, die dem Herrn am Morgen nach dem Sabbat, am ersten Tag der Woche, am Sonntag, präsentiert wurde, Jesus, der Erstling aus den Toten, ist. Und wir alle werden auch geerntet werden, eingesammelt für den Herrn zu unserer Zeit. Jesus, der Erstling von den Toten, am Sonntag, dem ersten Tag der Woche, ein Vorbote der gesamten Einsammlung, der Ernte des Volkes Gottes zu ihm in Herrlichkeit. Ein schönes Bild, Gottes Bild, er hat es erfunden.

Nicht nur das, sondern sieben mal sieben Tage nach dem Passah, sieben Wochen danach, am fünfzigsten Tag – pentekosta, auf Griechisch „der fünfzigste Tag“ – einem Sonntag, an Pfingsten, am fünfzigsten Tag danach, gab es ein anderes Erntedankfest (3 Mos 23,15). Gott hatte seinen Kindern Brot gegeben und Gott hatte das Land gesegnet und jetzt gab es ein Fest der Einsammlung und sie nannten es Pfingsten (Apg 2,1). Und an diesem Tag sammelte der Heilige Geist eine große Erstlingsernte ein, eine große Zahl der durch Jesus Geretteten, überführt durch die rettende Gnade und die Ausgießung des Heiligen Geistes. Das ist eines der Bilder und ein wunderschönes dazu.

 

Jesus heiligte den ersten Tag der Woche durch seine Auferstehung von den Toten. Und der Heilige Geist heiligte den ersten Tag der Woche, als er am Pfingsttag auf die Jünger herabkam; und er brachte die erste große Ernte ein, die der christlichen Gemeinde Leben und Schubkraft gab. Es ist ein schönes Bild, an dem wir uns bis zum heutigen Tag erfreuen.

 

Ich muss abschließen, allerdings nicht, ohne noch etwas zu erwähnen: Wir brauchen diesen Tag des Herrn! Diesen einen Tag von sieben, der in unserem großen, allmächtigen Schöpfer vorgezeichnet wurde. Er ist immer noch in seinem Tag der Ruhe. Und wir alle brauchen diesen Tag der Ruhe. Und wir alle brauchen den Tag der Versammlung des Volkes Gottes. Wir werden ernährt mit dem Brot vom Himmel: So wie das Essen auf dem Tisch unserem physischen Körper Kraft gibt, ernährt die Auslegung des Wortes Gottes unsere Seelen. Wir werden stark im Glauben an den Herrn, wenn wir zusammenkommen. Und wir singen Loblieder für Jesus und beugen uns im Gebet vor unserem Herrn. Wir brauchen diese Anordnung, die Gott für unsere geistliche Natur getroffen hat.

Benjamin Disraeli – ein jüdischer Christ, der der große Premierminister von England unter Königin Victoria und der erste Earl von Beaconsfield war – Benjamin Disraeli sagte: „Von allen göttlichen Institutionen, behaupte ich, ist die die göttlichste, die einen Tag der Ruhe für den Menschen sichert. Ich halte den Sonntag  für den wertvollsten Segen, der dem Menschen gegeben wurde. Er ist der Grundstein aller Zivilisation.“ Die Encyclopedia Britannica sagt: „Neben der Bibel und der Kirche ist der Tag des Herrn der Hauptpfeiler der christlichen Gesellschaft.“ Blackstone, der große Rechtsexperte, schrieb: „Ein Verfall der Moral folgt in der Regel einer Entweihung des Tages des Herrn.“

Das erste unter allen Büchern der Welt ist Gottes Buch, die Bibel. Der erste unter der gesamten Menschheit ist Jesus, unser Herr. Die erste unter allen Institutionen der Menschheit ist die Gemeinde, der Leib Christi. Der erste unter allen Dollars, die wir jemals verdienen könnten, ist der Zehnte, der dem Herrn geweiht ist. Und der erste unter allen Tagen der Woche ist der Sonntag, der erste Tag der Woche. Und wenn wir Gott lieben und uns auf den Weg machen zum Haus des Herrn am Sonntag, nicht durch Gebot, sondern durch die überfließende Dankbarkeit unserer Seelen für das, was Jesus für uns getan hat, dann trifft er sich mit uns, dann kommt der Heilige Geist herab auf uns. Und er rettet unsere Seelen und er fügt hinzu zu seiner Familie und wir sind gesegnet, während wir ihn und einander lieben. Es ist eine große Sache, eine schöne Sache, die Gott für uns getan hat.

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