Der alte Sabbat und der neue Tag des Herrn

 

Der alte Sabbat und der neue

Tag des Herrn

Dr. W. A. Criswell

Kolosser 2,16-17

30.01.1983

Unser Text heute kommt aus dem Kolosserbrief, Kapitel 2, Verse 16 und 17.

So richte euch nun niemand wegen Speise oder Trank oder betreffs eines Festes oder Neumondes oder Sabbats, die ein Schatten der künftigen Dinge sind, der Körper selbst aber ist des Christus.“

„So richte euch nun niemand“ – das griechische Wort krino bedeutet „zu Gericht sitzen“,  jemandem eine Meinung aufzwingen. „So richte euch nun niemand wegen Speise oder Trank“ – es ist egal, was Sie essen; wenn der Arzt es erlaubt, ist alles in Ordnung.

So richte euch nun niemand wegen …. eines Festes oder Neumondes oder Sabbats, die ein Schatten der künftigen Dinge sind, der Körper selbst aber ist des Christus.“

Was ist der alte Sabbat, der siebte Tag der Woche? Es gibt drei Ereignisse in der Bibel, zu denen der Sabbat gehört und denen er gewidmet wurde. Nummer eins: Der Sabbat ist ein Denkmal für das Beenden der Arbeit des Herrn bei der Schöpfung der Welt.

„So wurden der Himmel und die Erde und all ihr Heer vollendet. Und Gott vollendete am siebten Tag sein Werk, das er gemacht hatte; und er ruhte am siebten Tag von all seinem Werk, das er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn; denn an ihm ruhte er von all seinem Werk, das Gott geschaffen hatte, indem er es machte.“                                                                                                      1.Mose 2,1-3

 

Nun, man könnte meinen, Gott sei müde geworden. Der siebte Tag, der Sabbat, ist ja für den Menschen ein Tag der Erholung und der Ruhe. Sollten wir also denken, Gott war müde nach sechs Tagen der Arbeit und dann erholte er sich, er ruhte aus am siebten Tag? -Nein, dies sagt unser Text nicht aus. Gott wird nicht müde und er muss nicht ruhen. Erinnern Sie sich an die Worte in Jesaja 40, Vers 28? „Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt.“

Er wird nicht müde und er braucht keine Ruhe, so wie der Sabbat zu einem Tag der Ruhe und Erholung wurde.

Was hier gesagt wird, ist, dass Gott am siebten Tag mit seiner Arbeit aufgehört hatte. Er hat die gesamte Schöpfung vollendet. Und er ist jetzt in seinem Sabbattag. Er hat mit seiner Arbeit aufgehört. Alles, was gemacht wurde, ist jetzt da und für immer fertig. Und es wird nichts hinzugefügt. Es wird auch nichts weggenommen. Paulus schreibt im 1. Timotheusbrief, Kapitel 6, Vers 7: „Wir haben nichts in die Welt gebracht, darum werden auch nichts  hinausbringen.“

Gott beendete die Erschaffung aller Substanz und aller Materie in sechs Tagen. Gott vollendete die Schöpfung und am siebten Tag schuf er nichts mehr. Und alles, was gemacht ist, ist endgültig fertig. Wenn wir etwas verbrennen, zerstören wir es nicht, es verwandelt sich lediglich in Dampf und Rauch und Asche. Wir können nichts wirklich zerstören.

Auch können wir nichts zu der von Gott geschaffenen Materie oder Substanz hinzufügen. Das ist das Denkmal des Sabbats: Er ist da, um uns klar zu machen, dass Gott diese Welt geschaffen und vollendet hat. Und er hat aufgehört zu erschaffen. Er erschafft nichts mehr; es ist alles getan und fertig.

Zweitens: Der Sabbat ist ein Denkmal für die Befreiung des Volkes Gottes aus der ägyptischen Knechtschaft. Im den Büchern Mose werden die Zehn Gebote aufgeführt, zweimal werden sie aufgelistet: im 20. Kapitel von 2. Mose und im 5. Kapitel in 5. Mose. Und in 5. Mose, Kapitel 5 sagt Gott: „Den Sabbattag sollst du halten, ihn zu heiligen.“ Dann nennt er einen Grund dafür in Vers 15: „Denn du sollst daran denken, dass auch du Knecht in Ägyptenland warst und der HERR, dein Gott, dich von dort herausgeführt hat mit mächtiger Hand und ausgerecktem Arm. Darum hat dir der HERR, dein Gott, geboten, dass du den Sabbattag halten sollst.“

Der Sabbat ist ein Denkmal für das Volk Israel, um sie zu erinnern, dass sie in dem Land Ägypten Sklaven waren und dass Gott sie befreite. Das ist der zweite Grund für die Einrichtung des Sabbats.

Der dritte Grund für die Einrichtung des Sabbats: Es ist ein Denkmal dafür, dass Gott Israel erwählt hat, sein Volk zu sein. Es ist ein ewiges Zeichen des ewigen Bundes zwischen Gott und den Juden.

Und der HERR redete mit Mose und sprach: Sage den Israeliten: Haltet meinen Sabbat; denn er ist ein Zeichen zwischen mir und euch von Geschlecht zu Geschlecht, damit ihr erkennt, dass ich der HERR bin, der euch heiligt. …. 16 Darum sollen die Israeliten den Sabbat halten, dass sie ihn auch bei ihren Nachkommen halten als ewigen Bund. Er ist ein ewiges Zeichen zwischen mir und den Israeliten“   (2. Mos 31,12.16-17).

Hesekiel wiederholt das Bundeszeichen, das Denkmal des Sabbats, zwischen Gott und Israel in Kapitel 20:

„Und als ich sie aus Ägyptenland geführt und in die Wüste gebracht hatte, gab ich ihnen meine Gebote und lehrte sie meine Gesetze, durch die der Mensch lebt, der sie hält. Ich gab ihnen auch meine Sabbate zum Zeichen zwischen mir und ihnen, damit sie erkannten, dass ich der HERR bin, der sie heiligt.“ 

In den Versen 19 und 20 wird dieses Gebot noch einmal wiederholt:

„Denn ich bin der HERR, euer Gott. Nach meinen Geboten sollt ihr leben  und meine Gesetze sollt ihr halten und danach tun; und meine Sabbate sollt ihr heiligen, dass sie ein Zeichen seien zwischen mir und euch, damit ihr wisst, dass ich, der HERR, euer Gott bin“  (Hes 20,11-20).

 

Der Sabbat ist ein Bundeszeichen zwischen Gott und seinem auserwählten Volk, den Juden. Es ist vergleichbar mit einem Verlobungsring. Der Sabbat ist Gottes „Verlobungsring“ zwischen ihm und seinem Volk. Er ist nicht den Heiden gegeben. Er ist Israel gegeben, dem Volk, das der Herr erwählt hat. Und er ist ein Zeichen für einen ewigen Bund zwischen Gott im Himmel und seinem auserwählten Volk Israel. Der Sabbat gehört allein Israel. In keiner Weise ist dieses Verlobungszeichen den Heiden gegeben. Es ist ein Zeichen zwischen Gott und Israel.

Wenn wir an die Nation Israel denken und uns die Geschichte des Volkes des Herrn anschauen, vor allem im Alten Testament, so gibt es drei Dinge, die der jüdischen Nation besonders wichtig und lieb waren. Eines davon war der Tempel. Deshalb ist die Westmauer in Jerusalem für die Juden der heiligste Ort in der Welt. Weil das der Ort ist, an dem sie dem alten Tempel am nahesten kommen.

Nummer zwei: Charakteristisch und besonders wichtig für die Juden ist das Unterscheiden zwischen dem Reinen und dem Unreinen. Es ist ein sehr bedeutendes Merkmal der Nation Israel. Zum Beispiel, wenn Sie heute nach Israel gehen und Sie bleiben in einem Hotel, werden Sie feststellen, dass es dort eine Küche mit Geschirr und Besteck für Milchprodukte gibt. Eine andere Küche und anderes Geschirr und andere Utensilien sind da für Fleischgerichte. Die Unterscheidung zwischen rein und unrein, zwischen dem, wie sie essen und was sie nicht essen, ist sehr charakteristisch für die jüdische Nation.

Das dritte deutliche Unterscheidungsmerkmal der jüdischen Nation, und das auffälligste von allen, ist der Sabbat. Es kann im jüdischen Leben nichts wichtiger sein als die Einhaltung des Sabbats. In der Mischna gibt es zwei lange Abhandlungen über den Sabbat. Die Mischna bildet zusammen mit der babylonischen Gemara den babylonischen Talmud. Und in der Mischna mit ihrer Gemara gibt es eine lange und engagierte Abhandlung über den Sabbat. Die Mischna und die palästinensische Gemara bilden wiederrum den palästinensischen Talmud. Und auch hier, in der Gemara, gibt es wiederum lange Diskussionen der Rabbiner über die Abhandlungen bezüglich des Sabbats in der Mischna.

Nichts wird mehr betont und ist wichtiger im Leben für das jüdische Volk als der Sabbat. Das ist nicht nur wahr in Bezug auf die Juden selbst, es ist auch bei weitem das markanteste Abzeichen des Judentums: das Halten des Sabbats. Es gibt andere Nationen, die hatten Tempel und Priester und Altäre und Opfer und sogar die Beschneidung, aber keine andere Nation und kein anderes Volk und keine andere Religion hatte jemals einen Sabbat, nur die Juden.

Und wo auch immer ein Jude in der Welt hinging, war das Halten des Sabbats sein sehr deutliches Erkennungszeichen. Wo immer er hinging, das markanteste Abzeichen und die deutlichste Charakteristik für die Juden war es, den Sabbat zu halten.

Von Adam bis Mose gab es kein Sabbatgebot, keinen Hinweis darauf. Sie hatten den Zehnten, sie hatten die Beschneidung, sie hatten Altäre und Opfer, aber sie hatten nie einen Sabbat. Mose sagt, dass es zwischen Adam und dem Tag des Bundesschlusses keinen Sabbat gab. Der Gott Israels gab einzig und ausschließlich Mose auf dem Berg Sinai an jenem Tag dieses Zeichen zwischen ihm und dem Volk Israel.

 

Eines der ältesten Bücher der Welt ist das Buch Hiob und in dem Buch Hiob lesen wir über die Schöpfung, über die Flut, über viele menschliche Verpflichtungen, die wir Gott gegenüber haben, aber wir lesen nie etwas über den Sabbat. Der Sabbat wurde durch Mose auf dem Berg Sinai als Zeichen des Bundes zwischen Gott dem Herrn und seinem Volk Israel eingesetzt. Er gehörte allein und ausschließlich Israel und er beinhaltete eine schwere Strafe für seine Verletzung, für sein Brechen, für den Ungehorsam. Das ist der alte Sabbat. Wenn du ein Jude bist, musst du den Sabbat halten. Es ist ein Gebot Gottes und es ist ein Zeichen von Gottes Bund mit den Juden; ein ewiger Bund. Das ist die alte Sabbat, der siebte Tag der Woche.

Nun schauen wir uns den Christen und sein Verhältnis zum Sabbat an. Wenn du ein Jude bist, ein praktizierender Jude, bist du es Gott schuldig, den Sabbat zu halten. Aber wenn du ein Christ bist, ist es dir untersagt, den Sabbat zu halten.

Das ist unser Text: „So richte euch nun niemand wegen Speise“ – niemand verurteile dich wegen dem, was du isst. Wenn Sie Schweinefleisch essen wollen und der Arzt sagt, es ist in Ordnung, gibt es für einen Christen nichts religiös Falsches daran, Schweinefleisch zu essen.

Es gibt auch nicht so etwas wie einen christlichen Sabbat. Die Begriffe widersprechen sich; ein christlicher Sabbat ist ein unsinniger Ausdruck. Der Sabbat bezeichnet einen Juden, es ist für immer das Zeichen des Bundes Gottes mit den Juden. Der erste Tag der Woche ist der christliche Tag des Herrn und er spielt in einer anderen Welt.

Das also ist der Grund, warum Paulus diese Klarstellung schreibt: Der Sabbat ist ein Denkmal des alten Rechtssystems des Alten Testaments: „ Tu dies und du wirst leben.“ Der erste Tag der Woche, der Tag der Anbetung des Christen, ist ein Denkmal des Systems der Gnade: „Glaube dies. Vertrauen in dieses und du wirst leben.“ Sie bewegen sich in zwei verschiedenen Welten.

Nun, warum schreibt Paulus so heftig über ein Verbot, den Sabbat zu halten? Wenn wir das sorgfältig abwägen, ist es etwas, was einleuchtet: Am Sabbat schauen wir auf einen toten Christus. Er ist im Grab am Sabbat. Die Stille und die Leinentücher des Grabes umgeben ihn. Er ist tot. Und wenn wir den Sabbat halten, verbinden wir uns mit der römischen Wache, um ihn im Grabtuch und im Grab der Toten zu halten. Am Sabbat war Jesus tot! Es gibt einen Sabbat zwischen der alten Heilszeit des Gesetzes und der neuen Heilszeit der Gnade: Es ist der tote Christus im Grab, in der Stille, in dem Tod.

 

Nicht nur das, sondern in der Präsentation des glorreichen Glaubens des Neuen Testaments ist das gesamte moralische Gesetz inbegriffen. Alles ist inbegriffen, wiederholt und bekräftigt im Neuen Testament. Das erste Gebot ist in 1. Timotheus 2,5 zu finden. Das zweite Gebot ist in 1. Korinther 10,7 zu finden. Das dritte Gebot ist in Jakobus 5,12 zu finden; das fünfte Gebot in Epheser 6,2; das sechste Gebot in 1. Johannes 3,15; das siebte Gebot in Hebräer 13,4; das achte Gebot in Epheser 4,28; das neunte Gebot in Kolosser 3, 9; das zehnte Gebot in Epheser 5,3-5.

Aber wir finden nie einen Verweis oder eine Ermahnung zur Einhaltung des vierten Gebots, des Sabbat-Gebots. Es betrifft eine andere Welt, eine andere Heilsordnung. Ein Christ, der den Sabbat hält, ist eine Anomalie; es ist undenkbar, es ist nicht in der Bibel zu finden.

Nun, was ist der erste Tag der Woche, der christliche Tag der Liebe und der Anbetung? Er ist das Fest und das Denkmal einer neuen Schöpfung. „Siehe!“, sagt Gott, „ich mache alles neu“ (2 Kor 5,17): ein neues Leben, eine neue Liebe, eine neue Hoffnung, eine neue Überzeugung; eines Tages einen neuen Himmel und eine neue Erde, ein neues Zuhause, ein neues Jerusalem. Der erste Tag der Woche ist der Tag des Herrn, der Tag des Triumphes und der Herrlichkeit für den Christen.

Sein Morgen beginnt mit dem Gesang der Engel, mit einem leeren Grab, mit einer Auferstehung von den Toten. Das ist der Tag des Herrn. Ach, was für eine Herrlichkeit, als die Sonne auf das leere Grab schien und der Engel sagte: „Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat“ (Mt 28,6). Und die Christen weihen diesen Tag aus tiefster Liebe und Zuneigung unserem Herrn.

Es gibt keine Befehle wegen der Einhaltung des Tages des Herrn. Wir weihen ihn Christus aus der Fülle unserer Seelen und aus der Liebe unserer Herzen. Unsere Seelen können die Musik der Engel hören, wie sie von dem Triumph unseres auferstandenen Herrn singen. Und unsere Herzen können die sich erweiternden Horizonte des christlichen Glaubens und die Herrlichkeit eines neuen Himmels sehen. Und aus der Fülle unserer Seelen und aus der Liebe unseres tiefsten Wesens weihen wir den Tag dem Herrn Jesus.

Am ersten Tag der Woche, am Sonntag, erschien er Maria Magdalena. Am ersten Tag der Woche, am Sonntag, erschien er jenen geheiligten und gottesfürchtigen Frauen. Am ersten Tag der Woche, am Sonntag, erschien er Simon Petrus. Am ersten Tag der Woche erschien er Kleopas und seinem Freund auf dem Weg nach Emmaus. Am ersten Tag der Woche erschien er den zehn Jüngern – am Sonntag, dem ersten Tag der Woche.

Am darauffolgenden Sonntag erschien er den elf, Thomas war dann auch anwesend. Am ersten Tag der Woche, so lesen wir im 20. Kapitel der Apostelgeschichte, kam die Gemeinde zusammen, um das Brot zu brechen, das Abendmahl zu halten. Am ersten Tag der Woche, lesen wir in 1. Korinther 16, Vers 2, kamen die Nachfolger Christi zusammen und brachten ihre Spende für das Werk des Herrn. Am ersten Tag der Woche, am Sonntag, war der Apostel Johannes „im Geist am Tag des Herrn“. Am ersten Tag der Woche, lesen wir im 20. Kapitel der Apostelgeschichte, versammelten sich die Menschen und Paulus predigte ihnen. Und er predigte bis nach Mitternacht. Dieser Tag ist ein Prototyp der Herrlichkeit; das ist es, was wir für immer tun werden: Loblieder für ihn singen und uns im Herrn freuen.

Und ich kann mir nicht vorstellen, wie es ohne einen Tag des Herrn, ohne den Sonntag, wäre. Es wäre wie eine Welt ohne Musik, ohne Blumen, ohne Liebe, ohne Licht, ohne Hoffnung.

Und, oh Gott, was für eine Kostbarkeit, diesen Tag unserem Herrn zu weihen und zusammenzukommen und zu singen und zu beten und auf das Lesen des Wortes zu hören! Was sagt der Psalmist? – „Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat. Lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein“ (Psalm 118,24).

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