Biblische Vollkommenheit und Heiligung

 

Biblische Vollkommenheit und Heiligung

Dr. W. A. Criswell

  1. Thessalonicher 5,23

23.01.1983

Der Hintergrundtext für diese Predigt befindet sich im 1. Thessalonicherbrief 5,23: „Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus.“ 

Das griechische Wort amémptōs, übersetzt „ohne Tadel“, ist auf vielen Gräbern in Thessalonich zu finden. In Lukas 1,6 heißt es, dass Zacharias und Elisabeth vor dem Gesetz amémptōs, untadelig, waren. In Philipper 2,15 heißt es, dass wir amémptōs, untadelig, und lauter sein sollen. In unserem 1. Thessalonicherbrief, in Kapitel 2, Vers 10 heißt es: „Ihr und Gott seid Zeugen, wie heilig und gerecht und untadelig wir bei euch, den Gläubigen, gewesen sind.“ In all diesem soll uns der Heilige Geist bis zur Ankunft unseres Herrn bewahren.

Unsere gängige Vorstellung von Vollkommenheit und Heiligung ist diese: Wir denken, die Wörter „untadelig“ und „vollkommen“ bedeuten perfekt und frei von Sünde sein. Wir denken, Heiligung sei die Entwicklung zu einem sündenfreien Leben und schließlich würden wir einen sündlosen Zustand der Heiligung erreichen. Aber wenn wir über Vollkommenheit und Heiligung als einen Fortschritt in Richtung Sündlosigkeit denken, stoßen wir sofort auf Schwierigkeiten in der Passage, die wir gerade gelesen haben. Im hohepriesterlichen Gebet unseres Herrn, in Johannes 17,19, sagt Jesus: „Ich heilige mich selbst für sie.“ Dies als einen Fortschritt in Richtung Sündlosigkeit zu beschreiben oder eine Bewegung in Richtung Vollkommenheit, ist undenkbar. Also, was bedeutet Vollkommenheit? Und was bedeutet Heiligung?

 

Es gibt drei grundlegende Ideen in der Bibel hinsichtlich unserer Vollkommenheit und unserer Heiligung. Die erste ist in dem griechischen Wort katartízō zu finden. Katartízō bedeutet „nachrüsten, reparieren, restaurieren“ und damit „perfektionieren und vollenden“. Die Grundidee dieses Wortes, das mit „vollkommen machen“ übersetzt wird, ist: vollständig ausgestattet werden, für die Arbeit des Herrn in jedem Detail fertig sein.

Zum Beispiel wird ein Zimmermann ausgerüstet, er hat seine Werkzeuge dabei und  ist komplett bereit für seine Arbeit. Oder ein Haus wird ausgestattet. Es verfügt über ein Bad. Es hat eine Küche. Es hat ein Wohnzimmer. Es hat all die Dinge, die ein Haus haben sollte. So ist ein Christ katartízō, wenn er für das Werk des Herrn ausgestattet ist. Es gibt darin überhaupt keine Idee von Sündlosigkeit. Wir sind katartízō – wir sind für die Arbeit des Herrn ausgestattet. Das ist das Wort „vollkommen gemacht werden“. Wir sind bereit. Herr, gebrauche uns.

 

Die zweite Idee in diesen Begriffen „Vollkommenheit und Heiligung“ ist in dem griechischen Wort teleios zu finden. Es wird oft im Neuen Testament verwendet und fast immer mit „vollkommen“ übersetzt. Der Herr sprach zu dem reichen Jüngling: „Willst du vollkommen sein, so geh hin, verkaufe, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm und folge mir nach!“ (Mt 19,21). Im 1. Korintherbrief 13,10 sagt Paulus: „Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.

Im Philipperbrief 3,12 beschreibt der Apostel sich selbst und bekennt: „Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, … nach dem vorgesteckten Ziel, … Wie viele nun von uns vollkommen sind, die lasst uns so gesinnt sein“ (Phil 3,12-15). Im Hebräerbrief 2, Vers 10 haben wir eine Beschreibung unseres Herrn: „Denn es ziemte sich für den, um dessentwillen alle Dinge sind und durch den alle Dinge sind, dass er den, der viele Söhne zur Herrlichkeit geführt hat, den Anfänger ihres Heils, durch Leiden teleios, vollendete.“

 

So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt. 

Und als er vollendet (teleios) war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils geworden“ (Hebr 5,8-9). In Jakobus 1, Vers 4 schreibt der Pastor der Gemeinde in Jerusalem: „Die Geduld aber soll ihr Werk tun bis ans Ende, damit ihr vollkommen (teleios) und unversehrt seid und kein Mangel an euch sei.“

 

Das Wort teleios, vollkommen, perfekt, bedeutet nie „frei von Sünde“. Es bezieht sich immer auf die Ankunft am Ziel, für das Gott uns geschaffen hat. Im 1. Korintherbrief 14,20 schreibt Paulus: „Liebe Brüder, seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht; sondern seid Kinder, wenn es um Böses geht; im Verstehen aber seid vollkommen.“  

Seid teleios. Seid reife, erwachsene Männer. Ein weiteres Beispiel, wo teleios mit „vollkommen“ übersetzt wird, ist Hebräer 5,13-14: „Denn wem man noch Milch geben muss, der ist unerfahren in dem Wort der Gerechtigkeit, denn er ist ein kleines Kind. 

Feste Speise aber ist für die Vollkommenen, für die teleios, die durch den Gebrauch geübte Sinne haben und Gutes und Böses unterscheiden können.“

Wenn Sie nicht an der Bibel interessiert sind und diese nicht studieren und nicht in die Tiefe ihrer Bedeutung hineinschauen, sagt er, dann sind Sie ein Baby. Aber das ist nicht die Absicht Gottes. Gott will, dass Sie wachsen und verstehen und in die Tiefen der Weisheit des Reichtums der Gnade des Herrn eintauchen, in dem Heiligen Wort. Und das ist ein Zustand der teleios genannt wird: erwachsen, reif.

Bisher haben wir gesehen, dass in der biblischen Lehre von der Vollkommenheit und der Heiligung katartízō sich auf unser Ausgerüstet- oder Ausgestattet-Sein für das Werk Gottes bezieht. Teleios bedeutet, dass wir reif sind, voll erwachsen, dass wir das Ziel erreichen, für das Christus uns gemacht hat.

 

Es gibt noch ein anderes Wort, das im Neuen Testament verwendet wird. Und das ist hagiázō. Das bedeutet, dass wir von Gott, für Gott, für die Arbeit und den Dienst, für den er „uns erwählt“ hat, abgesondert sind. Hagiázō bedeutet „heiligen, heilig machen, weihen, absondern für Gott“. Das entsprechende hebräische Wort ist qadosh und beide Wörter bedeuten genau das gleiche. Ob es in Hebräisch verwendet wird, qadosh, oder ob es in der griechischen Sprache verwendet wird, hagiázō, bezieht es sich auf unser Abgesondert-Sein für Gott und die Absichten Gottes.

Jesus spricht von sich selbst in Johannes 17,19: „ Ich heilige mich selbst für sie, damit auch sie geheiligt seien in der Wahrheit.“ 

In Johannes 10,36 heißt es: „… den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat …“

Unser Herr kam auf einer bestimmten Mission und diese Mission ist eine Heiligung. Es ist eine Weihe. Es ist etwas, das Jesus für uns getan hat. Und das ist die Bedeutung von 1. Thessalonicher 4, Vers 3: „… denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung.“ Gott hat uns berufen. Er hat uns auserwählt. Er hat uns vorherbestimmt. Er hat uns geweiht. Er hat uns geheiligt. Er hat uns für sich bestimmt und abgestellt.

Die Heiligen, diejenigen, die geheiligt werden, sind nicht frei von Sünde, sondern Menschen, die von Gott für Gott abgestellt sind. Er hat uns erwählt und er hat uns gerufen; und er hat uns geheiligt und geweiht – für heilige, himmlische, göttliche Zwecke.

 

Jetzt möchte ich über das Werk der Heiligung und unsere Erfahrung der Heiligung sprechen. Das Werk der Heiligung ist das Werk Gottes. Es ist etwas, was Gott tut. Es ist immer auf Gott zurückzuführen. Es ist etwas, was Gott für sich selbst tut. Im 1.  Thessalonicherbrief 5,23 lesen wir: „Der Gott des Friedens heilige euch durch und durch…“  Im 2. Thessalonicherbrief 2,13-14 heißt es: „Wir aber müssen Gott allezeit für euch danken, vom Herrn geliebte Brüder, dass Gott euch als Erste zur Seligkeit erwählt hat in der Heiligung durch den Geist und im Glauben an die Wahrheit, wozu er euch auch berufen hat durch unser Evangelium, damit ihr die Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus erlangt.

Nun, ob Sie an die Erwählung glauben oder nicht, sie ist eine der grundlegenden Offenbarungen und Lehren der Bibel. Wenn der Priester für den Priesterdienst  geheiligt und geweiht wird, gehört er Gott. Er mag all die Schwächen von Aaron haben, aber er gehört Gott. Gott erwählte ihn und heiligte ihn. So wie unsere Spenden geheiligt und geweiht  werden, weil sie Gott für seinen Gebrauch  gegeben werden, so wird der gläubige Christ  für Gottes Gebrauch abgestellt. Sie können ein trauriges Beispiel dafür und die schwächste Darstellung in Gottes Reich sein, aber wenn Sie gerettet sind, sind Sie für Gott bestimmt und für seinen Gebrauch abgestellt. Das ist Heiligung. Das ist Weihe. Gott sagt nur: „Diese gehören zu mir. Ich habe sie erwählt und geheiligt und geweiht. Sie gehören mir.“

Nun, diese Heiligung, diese Abstellung, wird durch den Heiligen Geist Gottes gewirkt. Er beginnt mit diesem Werk in uns, wenn wir wiedergeboren sind. Das ist das Werk des Geistes. In Johannes 3,7-8 sagte unser Herr zu Nikodemus: „Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden. Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.“

 

Es ist ein Werk Gottes, es ist unsere offene Tür in das Reich unseres Erlösers. Das ist ein Werk des Heiligen Geistes. Wir sind durch den Heiligen Geist in das Reich hineingeboren. Nun sind wir dadurch aus der Welt  herausgenommen worden. Wir sind in den Leib Christi von demselben Heiligen Geist eingefügt worden. Im 1. Korintherbrief 12,13 sagt Paulus: „Denn wir sind durch “einen” Geist alle zu “einem” Leib getauft.“

Gott hat uns aus der Welt herausgenommen und uns dem Leib unseres Herrn hinzugefügt. Im Epheserbrief sagt er: „… wir waren tot in unseren Übertretungen und Sünden.“ Aber der Heilige Geist „hat uns lebendig gemacht. … Er hat uns von den Toten auferweckt“ und uns getauft. Er hat uns mit dem Leib Christi verbunden und wir gehören zu ihm (Eph 2,1-6).

In den Tagen seines Fleisches konnte man unseren Herrn sehen. Er hatte Hände; es waren seine Hände. Er hatte Füße; es waren seine Füße. Er hatte Augen; es waren seine Augen. Er hatte Ohren; es waren seine Ohren. Herz und Verstand – das war der Herr Jesus. Nun wurden wir zu dem Leib unseres Herrn hinzugefügt. So wie er damals Hände und Füße und Augen hatte, hat der Herr Jesus heute dich. Du gehörst zum Leib Christi – du bist eine Hand, ein Fuß, ein Auge. Erinnern Sie sich an das lange Kapitel in dem Brief an die Gemeinde in Korinth? Der Fuß kann nicht zu der Hand sagen: „Ich brauche dich nicht.“ Und die Hand kann nicht zum Auge sagen: „Ich brauche dich nicht.“ Wir alle sind von entscheidender Bedeutung in dem Leib Christi, jeder von uns. Jeder von uns hat unterschiedliche Gaben, aber wir gehören zu Jesus. Der Heilige Geist hat uns dort eingefügt (1 Kor 4,12-24). Das ist, was Weihe und Heiligung bedeuten. Wir wurden aus der Welt herausgenommen und sind zu dem Leib Christi hinzugefügt worden. Wir gehören zu ihm. Wir gehören jetzt zu dem Leib Christi. Wir gehören nicht uns selbst; wir gehören nicht zu der Welt. Wir gehören zu Jesus. Wir sind sein. Er entschied sich für uns und hat uns gerettet und geheiligt und geweiht, er fügte uns zu dem Leib Christi hinzu. Die Taufe ist ein Symbol dafür: Begraben mit unserem Herrn und tot für die Welt; und  auferweckt zur Ehre Jesu, um in einem neuen Leben zu wandeln, in einem herrlichen Leben mit unserem wunderbaren Retter. Erinnern Sie sich daran, was im 1. Korintherbrief 6,19-20 steht? „Oder wisst ihr nicht, …dass ihr nicht euch selbst gehört? Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe.“ Wir gehören zu Gott.

 

Es gibt eine weitere Sache bei dieser Heiligung, dieser Vollkommen-Machung, die der Geist Gottes gewirkt hat: Er hat uns von uns selbst und von der Welt weggenommen und uns zu Christus hinzugefügt. Wir gehören zu Jesus. Wir sind jetzt ein Tempel für das Innewohnen des Heiligen Geistes und das trägt eine der herrlichsten Verheißungen, die Sie in der Bibel finden, mit sich. Der erste Korintherbrief 6,19: „Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?“ 

Dieser Körper-Tempel, sündig, wie er jetzt ist, ist ein Haus, ein Tempel, ein lebendiger Ort, eine Behausung, für den Heiligen Geist Gottes selbst. Und eines Tages wird er erlöst sein, sündlos und vollkommen gemacht, so wie man sich Vollkommenheit und Perfektion vorstellt. Im Epheserbrief 1,13-14 heißt es:

„In ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit gehört habt, nämlich das Evangelium von eurer Seligkeit – in ihm seid auch ihr, als ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist, der verheißen ist, welcher ist das Unterpfand unsres Erbes, zu unsrer Erlösung, dass wir sein Eigentum würden zum Lob seiner Herrlichkeit.“

Durch den Heiligen Geist Gottes sind wir bis zum Tag der Erlösung versiegelt. Gott hatte nicht die Absicht, nur unseren Geist und unsere Seele durch Christus zu erlösen. Gott bestimmte in der erlösenden Gnade unseres Herrn, den gesamten gekauften Besitz zu erlösen und zu heiligen – meinen physischen Körper genauso wie auch meine Seele und meinen Geist. Heißt es nicht in unserem Text: „Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus.“ 

Das bedeutet, dass Jesus am Kreuz für die Erlösung meines Körpers genauso starb, wie er für die Erlösung meiner Seele und meines Geistes starb. Wenn ich mich bekehre, erlöst und heiligt der Geist Gottes meinen Geist. Aber der Tag kommt, spricht Gott, wenn er den gesamten gekauften Besitz erlösen wird. Er wird die ganze Schöpfung um mich herum erlösen. Es wird einen neuen Himmel und eine neue Erde geben und sie werden vollkommen sein (Offb 21-22).

Paulus sagte im Philipperbrief 3,20-21:

„Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel; woher wir auch erwarten den Heiland, den Herrn Jesus Christus, der unsern nichtigen Leib verwandeln wird, dass er gleich werde seinem verherrlichten Leibe nach der Kraft, mit der er sich alle Dinge untertan machen kann.“

Unser Gemeinwesen, unser Reich, unsere Heimat, unser Erbe, ist dort oben im Himmel. Es ist nicht hier. Und wir warten auf den Erlöser, der, wenn er kommt, diesen Leib verwandeln und seinem Körper gleichgestalten wird – ebenso wie er einen neuen Himmel und eine neue Erde machen wird. Er wird einen neuen Körper für mich und für dich machen. Und dann werden wir Heilige sein. Wir werden ohne Fehl sein. Und wir werden in seiner Gegenwart vor ihm stehen, vollständig, vollendet und vollkommen, genau wie er (1 Kor 15,20-28.35-57).

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